Wie wollen wir 2035 leben? – Rückblick aus der Zukunft

Egal, wo wir leben – auf dem Land, am Stadtrand oder in einer dicht besiedelten Innenstadt: Viele von uns haben heute mehr Raum und Zeit für die Dinge, die ihnen wirklich wichtig sind. Die eigene Erwerbsarbeit wird von einer großen Mehrheit als sinnstiftend bewertet.

Einen großen Teil unserer Energie erzeugen wir weitgehend selbst: Auf Dächern, an Balkonen und in unseren Kellern und mit ortsnahen Solarstromanlagen. Was 2020 noch quälende büro­kra­tische Hemmnisse bedeutete, nämlich sich selbst mit Sonnenenergie auch im Mehrfamilien­haus, im Unternehmen oder im nachbarschaftlichen Zusammenhang (energy sharing) zu ver­sorgen, ist seit der Initiative #wählbar2021 zur Bundestagswahl am 26.9.2021 Vergangenheit. Unsere Abhängigkeit von Energieimporten ist seitdem deutlich gesunken.

Heute steht bei vielen Bürger*innen kein eigenes Auto mehr vor der Tür, das jeweils passende Verkehrsmittel aber um die Ecke: Lasten- und Elektrofahrräder zum Ausleihen, ein guter ÖPNV-Anschluss und ergänzendes E-Carsharing. Statt Parkplätzen vor unseren Häusern haben wir dort jetzt Bänke zum Plaudern und Flächen für eine Partie Boule oder spielende Kinder. Wir kommen inzwischen in den meisten Städten mit weniger als 200 PKWs pro 1.000 Einwohnern aus. Im Quartier der kurzen Wege können wir viele Einrichtungen wie z.B. Lebensmittelläden, Drogerie- und Bauernmärkte, Arztpraxen, Apotheken oder Fahrradläden fußläufig erreichen. Wir leben in einem lebendigen und autoarmen Umfeld, das gleichermaßen unseren Kindern wie den älteren Mitmenschen geeigneten Lebensraum bietet.

Unser Abfall ist für unsere Industrie zur Ressource geworden, Stoffkreisläufe wurden geschlossen und ein großer Teil der verbleibenden nicht vermeidbaren Verpackungsmaterialien sind abbaubar.

Mit den neuen Pyrolyseanlagen pusten wir einen Teil des Kohlenstoffs aus unseren organischen Abfällen nicht mehr als CO2 in die Atmosphäre wie bei der Verbrennung, sondern nutzen ihn in vielfältiger Weise, z.B. als Pflanzenkohle, die einen Teil des Kohlenstoffs für lange Zeit unschädlich speichert, und der restliche Teil wird energetisch genutzt.

Heute Standard, früher undenkbar

Für vieles gab damals im Jahr 2020 eine Pandemie den Ausschlag. Durch sie haben wir die eigentlichen Leistungsträger*innen unserer Gesellschaft schätzen gelernt: Pfleger*innen, Ärzt*innen, diejenigen, die unsere Abfälle wieder zur Ressource machen, und die Menschen, die sich um Saat und Ernte unserer Nahrung kümmern.

Um volle U-Bahnen und Busse und damit eine hohe Ansteckungsgefahr zu verhindern, führte die Pandemie in kürzester Zeit zu einem wahrnehmbaren Umbau unserer Innenstädte. Große Metropolen wie Berlin und Paris fingen an, Autostraßen- zu Fahrradspuren umzuwandeln, und Italien förderte Fahrräder und Tretroller. Andere Kommunen folgten mit vielen weiteren Ideen, wie solidarisch finanzierten Bürgertickets oder Rufbussen und -taxen zur Erweiterung des öffentlichen Nahverkehrs.

Längst zur eingespielten Praxis gehört, dass sich unsere Bürger*innen an den Planungs­ent­scheidungen im eigenen Quartier beteiligen. Sie pflegen nachbarschaftliche Kontakte und ident­ifizieren sich mit dem Haus, der Nachbarschaft und dem eigenen Stadtteil.

Auch Arbeiten und Wohnen gestalten sich heute viel flexibler als noch vor 20 Jahren. Bereits während der Pandemie wurde ein den Arbeitnehmer*innen schützendes „Zuhause­arbeits­gesetz“ verab­schiedet, das auch zukünftig viele Arbeitswege einsparen und mehr Zeit und Raum für alle bedeuten sollte. Auch in der Architektur haben wir dazugelernt: Wegen der flexibleren Bauweise können wir die Wohnungsgrößen an veränderte Lebensumstände anpassen. Es ist viel einfacher geworden, Wohnungen zu tauschen. Damit sparen wir Fläche und Ressourcen.

In der Wirtschaft war vieles möglich geworden, was zuvor undenkbar schien. Einige Unter­nehmen waren auch nach der Krise in der Lage, schnell umzudenken und ihre Produktionen innerhalb kürzester Zeit auf aktuelle Bedarfe und nachhaltigere Produkte umzustellen. Immer mehr Menschen forderten von Politik und Wirtschaft, die Produktion auf Treibhausgasneutralität bzw. an der Frage auszurichten, wie wir leben, wirtschaften und arbeiten wollen.

Die Konjunkturpakete am Ende der Coronakrise wurden an ökologischen Kriterien aus­gerichtet. Aus den Fehlern der Finanzkrise 2008/2009 hatte man u.a. gelernt, dass Abwrack­prämien für Autos nicht in eine „klimaneutrale“ Zukunft führen.

Damit konnten viele ihre gut bezahlten Arbeitsplätze, z.B. in der Automobilindustrie, gegen Arbeitsplätze in nachhaltigen Branchen eintauschen. Noch im Jahr 2021 während der Pand­emie hatten auch die Gewerkschaften versäumt, die Kurzarbeit für die Umqualifizierung vieler Arbeitnehmer*innen in Zulieferbetrieben der Autoindustrie zu nutzen. Statt sich den neuen Anforderungen und Ideen zuzu­wenden dominierte die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust. Dabei gab es doch genug zu tun. Die Verkehrsinfrastruktur am Fahrrad und ÖPNV auszurichten, dauert bis heute an. Unsere Planungs- und Handwerkskapazitäten sind damit immer noch ausgelastet. Mit einem neuen Bundesverkehrs­wege­plan wurde klar, dass neue Straßen keine Option mehr waren. Für sie gab es weder genug Geld noch genug Arbeitskräfte, die nicht an anderer Stelle gefehlt hätten.

Seit dem wegweisenden Beschluss des Bundesverfassungsgerichts im Frühjahr 2021 ist klargestellt, dass der Klimaschutz generationsübergreifend im Grundgesetz bereits damals im Artikel 20a GG verankert war. Ende 2022 wurde das im Jahr 2019 erstmalig verabschiedete Klimaschutzgesetz durch ein Verbot des Inverkehrbringens von allen fossilen Energieträgern in Deutschland ab 2035 konkretisiert.

Mit der Einführung einer die ökologischen Kosten abbildenden fahrleistungsbezogenen PKW-Maut war die Industrie zur Überraschung vieler in kürzester Zeit in der Lage, synthetische Kraftstoffe aus Erneuerbaren Energien an den Tankstellen anzubieten.

Auch die Wärmeversorgung wurde umgerüstet: Quartier für Quartier, von Erdöl und Erdgaskesseln hin zu Wärmepumpen, großen Solaranlagen, Nahwärmenetzen und Kraftwerken mit zunehmend höheren Wasserstoffanteilen. Wie viele Diskussionsrunden haben wir dafür im Rahmen von verpflichtenden Energieleitplänen moderiert! Es ging ja schließlich darum, ein Konzept abzustimmen und umzusetzen, das für den jeweiligen Stadtteil das Beste ist und alle Beteiligten mit den gefundenen Lösungen leben und je nach Möglichkeiten investieren konnten.

In einigen ehemaligen Autofabriken werden noch heute flexible Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen gebaut, um uns in den wenigen Stunden im Jahr, wenn der Wind in ganz Europa schwächelt und die Sonne sich länger hinter Wolken versteckt, über Wasserstoff aus der wind- und sonnenreichen Zeit mit der nötigen Energie zu versorgen.

Bereits viele Jahrzehnte zuvor hatten wissenschaftliche Institutionen eindringlich dafür geworben, unsere Energieversorgung möglichst bald auf Solar- und Windenergie und flexible dezentrale, mit Grünem Wasserstoff betriebene Kraftwerke umzustellen (vgl. auch Spiegel 1987). Ebenso klar hatten Wissenschaftler*innen dargestellt, wieviel Energie­aufwand und Geld man sparen könne, wenn der Verbrauch und das Dargebot erneuerbarer Energien bereits vor Ort so weit wie möglich zeitlich ausgeglichen würden. Es hat lange gebraucht, bis wir ihren Rat befolgten und die Rahmenbedingungen änderten. Dazu gehörte ein neues Strommarktdesign.

Auch im Konsum gab es so manche Umstellung: In der Produktentwicklung achten wir heute darauf, dass Waren konsequent reparierbar oder wiederverwendbar sind und die Ressourcen dadurch im Kreislauf gehalten werden. Das zugrundeliegende Cradle-to-Cradle – Konzept war bereits Ende der 1990er Jahre entwickelt und seit 2022 konsequent Schritt für Schritt in das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz integriert worden.

Wirksame Mittel zur Finanzierung

Doch wie sah die Finanzierung all dieser Maßnahmen der sozialökologischen Transformation aus?

Im Zuge des europäischen Green Deals wurde 2021 endlich eine wirksame, einheitliche CO2-Bepreisung ohne Ausnahmen in Europa eingeführt. Korrekte Preissignale kamen fortan sowohl beim Produzenten wie auch beim Konsumenten an. Sie ermöglichten den Ausbau der Erneuerbaren Energien am Ende auch weitgehend ohne die Förderung durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) und ohne bürokratische Hindernisse. Nur der Umstieg in die grüne Wasserstoffwirtschaft bedurfte noch einige Zeit der Förderung. Fossile Energieträger blieben dafür weltweit zunehmend im Boden. Den europäischen Binnenmarkt sicherte man gegen Dumpingpreise von außen ab, zunächst mit einer Endproduktabgabe auf energieintensive Grundstoffe wie z.B. Stahl und auf Transportemissionen in Abhängigkeit der Herkunft. Ein 2022 reformiertes Lieferkettengesetz führte für immer mehr Unternehmen die Verpflichtung ein, die Treibhausgasemissionen durch die gesamte Lieferkette bis zum Endprodukt zu bilanzieren. Dies war die Grundlage dafür, dass die Endproduktabgabe immer differenzierter und auf immer mehr Konsumprodukte, unabhängig von ihrer Herkunft, erhoben werden konnte und gleichzeitig das Risiko einer Emissionsverlagerung ins Ausland (Carbon Leakage) vermieden wurde. Am Anfang stand eine Speditionsabgabe, die die Treibhausgase des Transports durch die gesamte Lieferkette bis ins Endprodukt bilanzierte. Sie verhinderte fortan den Transportwahn vieler Waren wegen geringster Kostenvorteile und verlagerte Produktion vieler Güter zurück an den Ort des Verbrauchs und förderte die regionale Wertschöpfung weltweit.

Durch die fahrleistungsbezogene PKW-Maut, die neben den Infrastrukturkosten auch alle externen Kosten des Straßenverkehrs (Klimaschäden, Unfälle, Gesundheit, Lärm etc.) in den Blick nahm, gab es genug Geld für den Umbau unserer Verkehrs­infrastruktur wie den Ausbau des ÖPNV und der Fahrradstraßen. Die digitalen Möglichkeiten wurden treibhausgasneutral und sinnstiftend für eine App genutzt, die den gesamten Verkehrsverbund bis hin zum öffentlichen Ruftaxi und somit eine Mobilität ohne eigenes Auto noch heute zu organisieren hilft.

Mit einer gut austarierten Grundsteuerkomponente, die die Emissionen eines Gebäudes adressierte, gab es für viele Eigentümer*innen genug Anreiz, ihre Gebäude energetisch zu sanieren, ohne die Mieter über Gebühr zu belasten. Die kommunalen Einnahmen aus der Grundsteuer ermöglichen die Finanzierung der neuen Pflichtaufgabe Klimaschutz. Zu den Sofortmaßnahmen der neuen Regierung gehörte ein Verbot des reinen Austausches von mit fossilen Brennstoffen betriebenen Heizkesseln. Eine Betriebsweise von Solarstromanlagen, Wärmepumpen, Kesseln und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die den Stromnetzausbau minimiert, wurde zum Standard. Innerhalb des Stromnetzes im eigenen Gebäude (Kundenanlagen) wurde unnötiger bürokratischer Ballast jahrzehntealter Regelungen und Instrumente abgeschafft. Fortan war jede Hausverwaltung in der Lage, den Strom aus Anlagen vor Ort genauso einfach abzurechnen wie die Wärme. Klimaschädliche Subventionen, wie z.B. die Entfernungspauschale, gehörten schnell der Vergangenheit an.

Landwirt*innen erwirtschaften bis heute aus einer Konsumabgabe auf treibhausgas- und ressourcen­intensiv erzeugte tierische Lebensmittel zusätzliche Einnahmen. Sie konnten damit ohne Einkommensverluste ihre Tierbestände verringern und auf umwelt- und tierfreundliche Bewirtschaftung umstellen. Aus der CO2-Steuer erhielten sie Vergütungen, wenn sie Pflanzenkohle in den Boden einbrachten und dadurch CO2 dauerhaft der Atmosphäre entzogen. Beigemischt zu Futtermitteln verbessert die Pflanzenkohle den Gesundheitszustand vieler Nutztiere und bindet zudem Nährstoffe. Humusreiche Böden speichern mehr Wasser und können in trockenen Jahren unsere Ernten stabilisieren.

Agri-Photovoltaik ermöglicht Energie- und Nahrungsmittelproduktion auf derselben Fläche, manche Kulturen profitieren in heißen Sommern sogar von einer teilweisen Beschattung durch die Anlagen. Biogasanlagen wurden fortan mit immer weniger Energiepflanzen, stattdessen aber zunehmend mit flüssigen organischen Reststoffen, wie z.B. Gülle, betrieben. Das Einkommen aller Menschen reicht inzwischen aus, um faire Preise für Lebensmittel zu zahlen, die auch die „Nebenleistungen“ der Landwirtschaft wie die Biodiversität, Landschaftspflege u.v.m. wertschätzen und entsprechend vergüten. Durch mehr Tierwohl und weniger Fleischkonsum konnten wertvolle landwirtschaftliche Flächen für Artenvielfalt, die Wiedervernässung von Mooren und den Anbau nachwachsender Rohstoffe gewonnen werden, die andere fossile Rohstoffe in der Chemie- und Bauindustrie, z.B. für Verpackungsmaterialien und Dämmstoffe, ersetzen (Bioökonomie). Die verstärkte stoffliche Nutzung von Biomasse hatte den zusätzlichen Nebeneffekt der CO2-Bindung aus der Atmosphäre.

Die Förster*innen experimentieren heute noch, wie Wald bewirtschaftet werden kann, um den neuen Bedingungen und Dürreperioden eines durchschnittlich 1,5-2° Grad wärmeren Klimas stand zu halten. Und Jäger*innen sind noch immer angehalten, den Wildverbiss so in Grenzen zu halten, dass sich durch Naturverjüngung der Wald selbst umbauen kann. Und die Feuerwehren haben heute jederzeit Zugriff auf mit E-Fuels betriebene Lösch­flugzeuge, um Brände größeren Ausmaßes zu verhindern. Die Bilanzierungsregeln, auf die man sich im Aktienrecht und in der Finanzwirtschaft 2021 einigte, weisen auch den Nutzen einer Produktion für das Gemeinwohl aus. Sie wurden zum zentralen Bewertungsmaßstab für Investor*innen. Damit lenkte man die Geldströme weg von treibhausgasintensiven hin zu nachhaltigen Investitionen.